Warum ich die Nase voll von WordPress & Co hatte – und mein eigenes CMS gebaut habe
Ich muss gestehen: Ich habe WordPress geliebt. Jahrelang. Es war das erste System, mit dem ich echte Websites gebaut habe, es hat mir Kunden verschafft, und ehrlich gesagt läuft ein gutes Stück des Internets nach wie vor darüber. Aber irgendwann kippt jede Beziehung – und meine mit WordPress ist in den letzten Monaten ziemlich sauer geworden. Also habe ich das gemacht, was man tut, wenn man mit etwas nicht mehr klarkommt: Ich habe mir mein eigenes System gebaut. Es heißt PlaCeMS – Plain Cell Maker System. Aber der Reihe nach.
Klassische CMS sind überall – und genau das ist Teil des Problems
Egal ob WordPress, Joomla, Drupal oder TYPO3: Die großen, etablierten Content-Management-Systeme folgen alle demselben Grundprinzip. Ein schlanker Kern, drumherum ein riesiges Ökosystem aus Plugins, Modulen und Extensions, die im Prinzip jeder hochladen kann. WordPress ist davon mit rund 42–43 % aller Websites weltweit zwar der mit Abstand größte Vertreter, aber das Muster dahinter ist überall dasselbe: Über 60.000 kostenlose Plugins allein bei WordPress, dazu tausende weitere bei Joomla und Drupal – jedes davon ein eigenes kleines Stück Software, geschrieben von wer weiß wem, gepflegt (oder eben nicht) nach wer weiß welchen Standards.
Das eigentliche Problem ist also nicht ein einzelnes System, sondern die Architektur, für die sich fast alle etablierten CMS irgendwann entschieden haben: ein schlanker Kern plus ein offenes, unkontrolliertes Erweiterungs-Ökosystem. Genau dieses Wildwuchs-Prinzip ist die eigentliche Baustelle.
Die Zahlen, die mich endgültig überzeugt haben
Ich bin kein Sicherheitsexperte, aber ein paar Zahlen muss man einfach mal nebeneinanderlegen, um zu verstehen, warum mir bei jeder neuen Plugin-Installation ein mulmiges Gefühl beschleicht – am Beispiel WordPress, weil dafür die mit Abstand beste Datenlage existiert, das Prinzip aber für jedes plugin-basierte CMS gilt:
- Über 90 % aller Sicherheitslücken stammen nicht aus dem Kernsystem selbst, sondern aus Plugins und Themes. Manche Auswertungen kommen sogar auf über 93 %.
- Allein 2025 wurden über 11.000 neue Schwachstellen im WordPress-Ökosystem dokumentiert – ein Anstieg von rund 42 % gegenüber dem Vorjahr.
- Besonders unangenehm: Bei fast der Hälfte aller neu entdeckten Plugin-Schwachstellen existiert zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch kein Patch.
- Und wenn ein Patch verfügbar ist, bleibt kaum Zeit zum Reagieren – im Schnitt vergehen nur wenige Stunden, bis automatisierte Scanner eine frisch veröffentlichte Lücke massenhaft ausnutzen.
Man muss diese Zahlen nicht auswendig kennen, um das Prinzip zu verstehen: Jedes zusätzliche Plugin ist eine zusätzliche Tür, die jemand offen lassen kann. Bei einem System, das für seine "Installier einfach ein Plugin dafür"-Kultur bekannt ist, sammeln sich auf einer typischen Website schnell 20, 30 oder mehr davon an. Jedes einzelne ein potenzielles Einfallstor – und man selbst als Betreiber meistens gar nicht in der Lage, das im Detail zu überblicken.
Der Gutenberg-Effekt: Wenn "einfach" nicht mehr einfach ist
Das zweite, was mich zunehmend genervt hat, ist etwas Subtileres: WordPress hat in den letzten Jahren mit dem Full Site Editor und dem Gutenberg-Block-Editor einen riesigen Umbau hingelegt. Technisch beeindruckend – aber ein gutes Stück der alten Schlichtheit, für die WordPress ursprünglich mal berühmt war, ist dabei verloren gegangen. Genau die Nutzer, die früher mit ein paar Klicks eine Seite online hatten, spüren das heute am meisten. Was früher ein Textfeld war, ist heute ein verschachteltes System aus Blöcken, Block-Patterns, Block-Themes und Theme.json-Dateien. Dazu kommt: Der WordPress-Marktanteil stagniert seit 2022 bei rund 43 % und ist 2023 zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt sogar leicht gesunken. Nicht, weil WordPress plötzlich schlecht wäre, sondern weil viele Nutzer – gerade die mit einfacheren Anforderungen – zunehmend zu schlankeren, gehosteten Lösungen wie Shopify oder Wix abwandern. Ich finde diese Entwicklung bezeichnend: Wenn selbst das größte CMS der Welt Nutzer an einfachere Alternativen verliert, sagt das etwas über die gefühlte Komplexität aus.
Der Punkt, an dem ich gesagt habe: Ich brauche etwas eigenes
Für meine Projekte – zum Beispiel die „Rocky-Horror-Show-Website" mit ihrem CMS-Backend – brauche ich kein aufgeblähtes System mit 60.000 möglichen Erweiterungen. Ich brauche etwas, das genau das tut, was ich ihm sage, und sonst nichts. Kein Plugin-Friedhof, keine Sicherheitslücken durch Fremdcode, den ich nie geprüft habe, kein Editor, der sich anfühlt wie eine eigene Programmiersprache. Kein Schweizer Taschenmesser mit 200 Klingen, wenn ich eigentlich nur ein scharfes Messer wollte.
Also habe ich zusammen mit meiner Entwicklerin Jane angefangen, genau das zu bauen:
PlaCeMS – Plain Cell Maker System
Der Name ist Programm:
- Plain – kein Schnickschnack, keine unnötige Komplexität. Keine 40 Einstellungsebenen für eine simple Textbox.
- Cell – Inhalte bestehen aus kleinen, wiederverwendbaren Bausteinen, sogenannten Zellen. Eine Zelle für einen Hero-Bereich, eine für einen Textblock, eine für ein Bildkarussell. Klar abgegrenzt, leicht verständlich, leicht zu erweitern.
- Maker – das System baut aktiv Seiten aus diesen Zellen zusammen. Man denkt in Bausteinen, nicht in einem einzigen riesigen Editor-Monolithen.
- System – ein durchdachter Rahmen, der das Ganze zusammenhält, statt tausend lose Enden, die irgendwann nicht mehr zueinander passen.
Kurz gesagt: Einfache Zellen. Starke Seiten.
Was "PlaCeMS" anders macht
PlaCeMS ist bewusst schlank gehalten. Das Backend basiert auf PHP – bewährt, überall verfügbar, ohne exotische Abhängigkeiten. Statt eines riesigen Plugin-Marktplatzes gibt es eine überschaubare, von Jane und mir kontrollierte Codebasis. Jede neue Funktion, die dazukommt, haben wir selbst geschrieben oder zumindest im Detail geprüft – es gibt keinen unsichtbaren Drittanbieter-Code, der irgendwo tief im System eine Hintertür offen lässt, von der niemand weiß.
Das bedeutet auch: Kein Update-Roulette. Keine Situation, in der ein Plugin-Update mitten am Tag die Seite eines Kunden lahmlegt, weil zwei voneinander unabhängige Erweiterungen sich plötzlich nicht mehr vertragen.
Wenn sich etwas ändert, wissen wir genau, was sich ändert – weil wir es selbst geschrieben haben.
Für meine aktuellen Projekte ist das genau die richtige Größe:
Die Rocky-Horror-Show-Seite braucht eine Hero-Slideshow, einen Text-Slider, eine Tagline-Verwaltung für die Suche und ein thematisch passendes Such-Overlay im 70er-Jahre-Look mit Keyword-Matching. Das sind klar umrissene Bausteine – perfekt für ein Zellen-basiertes System, bei dem jede Komponente genau eine Aufgabe hat und diese gut erfüllt. Kein Overhead durch Funktionen, die nie gebraucht werden, keine 15 Update-Benachrichtigungen, die man ignorieren muss, weil sie ohnehin nur ein Feature betreffen, das ich gar nicht nutze.
Ist das die Lösung für jeden? Nein. Aber für mich schon.
Ich will hier niemandem WordPress ausreden. Für viele Anwendungsfälle – große Redaktionsteams, Online-Shops mit WooCommerce, Websites, bei denen fünfzig verschiedene Personen ohne technisches Vorwissen Inhalte pflegen sollen – ist WordPress nach wie vor eine vernünftige, bewährte Wahl. Die riesige Community, die Menge an verfügbaren Ressourcen und die schiere Marktdurchdringung sind reale Vorteile, die man nicht wegdiskutieren kann.
Aber für meine Art zu arbeiten – schlank, kontrolliert, mit einer überschaubaren Anzahl klar definierter Bausteine, ohne die ständige Sorge um Plugin-Sicherheitslücken oder ein plötzlich verschwundenes Wartungs-Update – war der Wechsel längst überfällig. PlaCeMS ist noch in aktiver Entwicklung, aber schon jetzt merke ich: Ich vermisse WordPress nicht. Ich vermisse die 15 Update-Benachrichtigungen nicht. Und ich vermisse ganz sicher nicht das Gefühl, dass irgendwo tief in einem Plugin, das ich vor drei Jahren mal installiert habe, eine Sicherheitslücke schlummert, von der ich nichts weiß.
Einfache Zellen. Starke Seiten. Genau so, wie es sein soll.
Don't dream it, do it!
Quellen
- Blogmojo: WordPress Statistiken: 23 Trends und Einblicke für 2026
- perun.net: WordPress-Marktanteil sinkt: Abstieg oder Delle?
- Hostinger: WordPress Statistik: 23 Trends und Einblicke für 2026
- Patchstack: State of WordPress Security in 2026 – Security Whitepaper
- one.com: Was ist Patchstack und wie schützt es Ihre WordPress-Seite?
- Level Nord: WordPress im März 2026: Sicherheitsnotfall und großes Update
- Quantenfrosch: WordPress Security 2026: Schutz vor KI-Angriffen
